Biografie

Arthur Schnitzler kam als erster Sohn der insgesamt vier Kinder des jüdischen Laryngologen (Facharztes für Kehlkopf-Erkrankungen) Johann Schnitzler und dessen Gattin Luise, Tochter des Wiener Arztes Philipp Markbreiter, in der Praterstraße 16 (Wien 2, Leopoldstadt) zur Welt.

Nach dem Besuch des Akademischen Gymnasiums in Wien (1871-79) studierte Arthur Schnitzler – mit Unterbrechung durch das Einjährig-Freiwillige 1882/83 – Medizin an der Universität Wien. Nach seiner Promotion zum Dr. med. 1885 war er Assistenz- und Sekundararzt am Wiener Allgemeinen Krankenhaus. 1887 übernahm er die Redaktion der von seinem Vater herausgegebenen medizinischen Zeitschriften und wurde 1888 dessen Assistent.

Seit 1890 war Arthur Schnitzler mit Hugo v. Hofmannsthal, Felix Salten und Richard Beer-Hofmann bekannt; mit ihnen gehörte er dem Schriftstellerkreis „Jung Wien“ an, der sich im Café Griensteidl traf und publizistisch durch Hermann Bahr gefördert wurde.

Seinen Interessenskonflikt zwischen Medizin und Literatur löste Schnitzler erst nach dem Tod seines Vaters und der Eröffnung einer Privatpraxis 1893; zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits Gedichte, kurze Prosaskizzen und den Einakter-Zyklus „Anatol“ (1892) veröffentlicht.

Arthur Schnitzler © Kunsthistorisches Museum Wien

1895 gelang der literarische Durchbruch: Die Novelle „Sterben“ erschien im S. Fischer Verlag in Berlin, womit Schnitzler eine lebenslange Verlagsheimat fand; im selben Jahr wurde das Schauspiel „Liebelei“ am Wiener Burgtheater uraufgeführt, was Schnitzlers Status als Dramatiker festigte. In den folgenden Jahren entwickelte Schnitzler für seinen literarischen Werdegang wichtige Beziehungen zu dem dänischen Literaturkritiker Georg Brandes und zum Berliner Theaterleiter Otto Brahm.

Hatte er sich bereits als Medizinstudent mit Psychopathologie, Hysterie und Hypnose beschäftigt, so verfolgte er nach der Lektüre von Sigmund Freuds „Traumdeutung“ (1900) mit großem Interesse die Entwicklung der psychoanalytischen Theorie, kritisierte aber auch ihren „Dogmatismus“.

Zu Weihnachten 1900 veröffentlichte Arthur Schnitzler in der Wiener „Neuen Freien Presse“ die Monolognovelle „Lieutenant Gustl“, eine Darstellung des beschränkten Bewusstseins eines habsburgischen Offiziers, was ihm ein Ehrengerichtsverfahren und die Aberkennung seines Offiziersranges eintrug.

Nach vielen wechselnden Liebesverhältnissen und dem frühen Tod seiner Freundin Marie Reinhard 1899 ging er eine Beziehung zur Schauspielerin Olga Gussmann ein. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhundert stieg Schnitzler zum berühmtesten Dramatiker Österreichs auf; Einakter und Novellen erschienen in rascher Folge; mehrere Texte wurden vertont (Singspiel „Der tapfere Kassian“ 1909 v. Oscar Straus; Opernfassung d. „Liebelei“ 1910 v. Franz Neumann). 1911 wurde die Tragikomödie „Das weite Land“ an neun großen Bühnen des deutschen Sprachraums gleichzeitig uraufgeführt.

Schnitzlers Karriere war allerdings von Misstönen begleitet. Durch die Formation des politischen Antisemitismus und die Polarisierung der österreichischen Presse in liberale und völkisch-nationale Fraktionen sah er sich zunehmend Angriffen ausgesetzt: Dem Roman „Der Weg ins Freie“ (1908), der die Liebesgeschichte eines Wiener Barons mit einem Gesellschaftspanorama jüdischer Figuren verbindet, wurde die Darstellung semitischer Dekadenz unterstellt; das Drama „Professor Bernhardi“, das die Eskalation einer Intrige gegen einen jüdischen Spitalsdirektor zum Thema hat, erhielt in Österreich Aufführungsverbot (UA Berlin 1912).

Der Erste Weltkrieg bedeutete für Schnitzler den Zusammenbruch seiner Herkunftswelt. Anders als viele Schriftstellerkollegen nahm er von kriegsbegeisterten Veröffentlichungen Abstand, zog sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück und wurde daher für „gestrig“ gehalten. An die großen Erfolge der Vorkriegszeit konnte Schnitzler nach 1918 nur noch einmal anknüpfen, mit seiner zweiten Monolognovelle „Fräulein Else“ (1924), welche wegen ihrer subtilen Einfühlung in die weibliche Psyche gerühmt und 1929 von Paul Czinner mit Elisabeth Bergner verfilmt wurde. Davor war es allerdings schon zu spektakulären Theaterskandalen gekommen: Im Frühjahr 1921 hatte man in Wien und Berlin Aufführungen des 1896/97 entstandenen „Reigen“-Zyklus gestört, in Berlin folgte ein Prozess gegen Regisseur und Schauspieler wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses; die Darstellung entfremdeter sexueller Beziehungen wurde dem Autor als Amoralität angelastet. Seine prägnanten Aphorismen (Buch d. Sprüche u. Bedenken, 1927) und die späten Erzählungen (Traumnovelle, 1926; Spiel im Morgengrauen, 1927) wurden von der Kritik zwar lobend wahrgenommen, die Agitation der „Hakenkreuzler“, wie Schnitzler sie nannte, richtete sich aber bereits gegen ihn.

Zugleich verbreitete sich der Ruhm des nach seiner Scheidung, dem Selbstmord der Tochter sowie zunehmender Schwerhörigkeit unter Einsamkeitsgefühlen leidenden Schnitzlers durch zahlreiche Übersetzungen in Europa, Übersee und im Fernen Osten. Die Buchausgabe seiner Novelle „Flucht in die Finsternis“, die vom Ausbruch eines paranoiden Wahns handelt, erlebte Schnitzler noch kurz vor seinem Tod.

Seit 1933 standen Schnitzlers Werke auf den „Schwarzen Listen“ der Nationalsozialisten. Nach 1945 las man ihn als einen „wienerischen“ Autor, der mit seinem „Anatol“ und der Figur des „süßen Mädels“ melancholisch-sinnliche Prototypen geschaffen habe, was vielfach folkloristische Mißdeutungen nach sich zog. Zu Beginn der 1960er Jahre erfolgte eine Schnitzler-„Renaissance“: Mit der Werkausgabe im S. Fischer-Verlag setzte eine umfassende wissenschaftliche Würdigung ein. Literaturgeschichtlich rechnete man Schnitzler zunächst der Periode des „fin de siède“ oder des „Impressionismus“ zu und privilegierte damit das frühe Werk, in dem er die psychische Diskontinuität des epochentypischen „Augenblicksmenschen“ diagnostiziert habe. In den 1970er Jahren wurden die sozialkritischen Aspekte seines Werks stärker wahrgenommen; nun entdeckte man auch Schnitzlers scharfen Blick für die asymmetrischen Geschlechterverhältnisse seiner Zeit, womit seine „Frauennovellen“ in den Vordergrund rückten; die Meisterschaft der späten Prosa wurde ersichtlich. Seit den 1980er Jahren geriet dann vor allem Schitzlers Auseinandersetzung mit Judentum und Antisemitismus in den Blick. Im Zeichen der Postmoderne bewertete man auch Schnitzlers Thematik von Traum, Schein und Spiel, von Geschichte und Zufall neu. Auf komplexe und vieldeutige Weise reflektiert Schnitzler die Sprache als psychisches Zeichensystem, als Kodifizierung von Erinnerung, als versagendes Kommunikations- wie als wirksames Machtmittel. Psychologische und ästhetische Dichte hat seinem Werk weltweite Geltung verschafft.

(Quelle: Fliedl, Konstanze, „Schnitzler, Arthur“, in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 335-337 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118609807.html)