Werk

Arthur Schnitzler verfasste Dramen und Prosa (hauptsächlich Erzählungen), in denen das Augenmerk vor allem auf die psychischen Vorgänge der Figuren gelenkt wird. Durch diesen Einblick in das Innenleben der Figuren erhält der Leser auch ein Bild von der Gesellschaft des Wiens der Jahrhundertwende, in dem die meisten Werke angesiedelt sind. Die handelnden Personen sind typische Gestalten der damaligen Wiener Gesellschaft des „fin de siécle“ (Dekadentismus): Offiziere und Ärzte, Künstler und Journalisten, Schauspieler und leichtlebige „Gecken“, und nicht zuletzt das „süße Mädel“ aus der Vorstadt – das zu so etwas wie einem Erkennungszeichen für Schnitzler wurde (und für seine Gegner zu einem Stempel, mit dem sie Schnitzler als einseitig abqualifizieren wollten).

In Schnitzlers Werken geht es weniger um die Darstellung krankhafter seelischer Zustände, sondern um die Vorgänge im Inneren gewöhnlicher, durchschnittlicher Menschen und den Lebenslügen, zu denen sie die Gesellschaft – die voll von ungeschriebenen Verboten und Vorschriften, sexuellen Tabus und Ehrenkodices war – herausfordert.

Wie Sigmund Freud in der Psychoanalyse bringt Arthur Schnitzler etwa zur gleichen Zeit jene Tabus zur Sprache, die die damalige bürgerliche Gesellschaft und deren Moral unterschlägt: Sexualität und Tod (das Leben genießen, ohne den Tod zu ignorieren). Im Gegensatz zu Freud offenbart sich das Wesen dieser Gesellschaft und ihrer Teilnehmer bei Schnitzler nicht als (vorher) Unbewusstes, sondern als „halb-Bewusstes“, etwa im inneren Monolog eines Protagonisten. Diese Erzählform führte er mit seiner Novelle Leutnant Gustl (1900) in die deutschsprachige Literatur ein (und führte sie auch in Fräulein Else fort). Mithilfe dieser besonderen Perspektive gelang es ihm, dem Leser einen tieferen, direkteren Einblick in die inneren Konflikte seiner Figuren zu geben.

Zentrale Themen bei Schnitzler sind die Einsamkeit des Individuums (die den einzelnen Werken in unterschiedliche Nuancen stets zugrunde liegt), die Grenzgänge des Seelischen (die Suche nach der eigenen Identität) und die Unmöglichkeit der zwischenmenschlichen Kommunikation („Die Ehe ist die Schule der Einsamkeit“). Er beschäftigte sich häufig mit Themen wie Ehebruch (z. B. im Drama Der Reigen), heimliche Affären (z. B. bei Die Toten schweigen, Die Frau des Weisen) und Frauenhelden (z. B. in Anatol). Nach den „Anatol-Jahren“ entwickelte Schnitzler zudem ein immer größer werdendes Verständnis und eine gewisse Sympathie für Frauen und deren Probleme; er schuf in dieser Zeit unvergessliche literarische Frauengestalten wie Therese oder Frau Berta Garlan. In dem Stück Professor Bernhardi (wie auch im Roman Der Weg ins Freie) befasste sich Schnitzler mit dem in Wien stark ausgeprägten Antisemitismus. Dargestellt werden hier die Orientierungslosigkeit des Einzelnen, der in einer deformierten Gesellschaftsordnung leben muss, sowie dessen Ohnmacht angesichts der Brutalität des gesellschaftlichen Lebens

Arthur Schnitzlers Werke wurden schon früh für das damals neu aufkommende Medium Film entdeckt: Die erste Verfilmung erfolgte bereits 1914, mit dem Film Liebelei. Namhafte Filmkünstler bedienten sich immer wieder seiner Stoffe (z.B. Max Ophüls, Der Reigen (1950), zuletzt Stanley Kubrick (Eyes wide shut, eine Verfilmung der Traumnovelle).

(vgl. Farese, Giuseppe: Arthur Schnitzler: Ein Leben in Wien .1862-1931. Übersetzt von Karin Krieger. 1999)